
Der Morgen des 31. Mai
Viktor Glück starrte auf den Bildschirm. 06:47 Uhr.
Die Stadt draußen erwachte gerade. Ein Lieferwagen hielt vor dem Bäcker gegenüber. Irgendwo bellte ein Hund. Alles wie immer.
Aber es war nicht wie immer.
In dreiundsiebenzig Minuten würde ein Button geklickt werden, den er vor acht Monaten nicht einmal hätte beschreiben können. In dreiundsiebenzig Minuten würde etwas passieren, das er für unmöglich gehalten hatte — nicht weil er kein Visionär war, sondern weil er ein Praktiker war. Weil er wusste, wie schwer Dinge wirklich sind.
Sein Kaffee dampfte unberührt neben der Tastatur.
Er las noch einmal die Nachricht. Eine E-Mail aus Tokio, um halb vier in der Nacht eingegangen. Jemand namens Kenji Nakamura, Geschäftsführer eines IT-Systemhauses in Shinjuku, hatte geschrieben:
"Herr Glück, ich habe Ihr Buch gelesen. Auf Englisch. Wir haben das Framework letzte Woche eingeführt. Das Gate in Kapitel 5 hat uns diese Woche 40.000 Euro Schaden erspart. Danke."
Viktor lehnte sich zurück.
Er dachte an den Dienstag vor acht Monaten. An den Anruf der seine Welt verschoben hatte. An Marlene, die hereingekommen war und gewusst hatte, dass etwas nicht stimmte, bevor er ein Wort gesagt hatte. An die Nacht, in der er Google nach "KI für Systemhäuser" gesucht und nichts Brauchbares gefunden hatte.
Und er dachte daran, dass es mit einem verlorenen Kunden begonnen hatte.
Immer fängt es mit etwas Kleinem an.








